Der Künstler Hans Schnell hat eine München-Serie nach literarischen Texten
gemalt und gezeichnet - das persönliche Dokument einer Hassliebe

Der Künstler und Zeichner Hans Schnell, Jahrgang 1951, ist ein gebürtiger Münchner; er hat in der hiesigen Universität Kunstgeschichte studiert und später, von 1974 bis 1980, Malerei an der Kunstakademie bei Karl Fred Dahmen, einem der bekanntesten Künstler des deutschen Informel. Nun hat er exklusiv für die SZ einen Zyklus zu literarischen Texten über München gemacht, von dem wir einige Arbeiten in den kommenden Wochen auf dieser Seite in loser Folge zeigen werden. Hans Schnells Werke wurden seit 1975 in mehr als 200 Einzel- und Gruppenaustellungen im In- und Ausland gezeigt. Die umfangreichsten Retrospektiven der letzten Jahre waren zu sehen im Saarland Museum in Saarbrücken (1995), in Madrid (1996) und Saragossa (1998).

Dieser München-Zyklus ist nicht Ihre erste Arbeit mit literarischen
Themen. Woher kommt diese Nähe zu Texten?
Ich habe einfach eine gewisse Neigung zur Literatur, insbesondere zur Lyrik, und da noch mal besonders zu Paul Celan, zu Garcia Lorca. Ich reise sehr gerne, und seit meinem 17. Lebensjahr reise ich immer mit dem kleinen Bändchen Lichtzwang von Celan. Und dann gab's da einmal eine entscheidende Begegnung in dem wunderschönen kleinen Städtchen Freiburg im Breisgau mit Wolfgang Koeppen, der ja auch in München lebte, und da ist eines meiner wichtigsten Bilder überhaupt entstanden, zu dem großartigen Satz aus dem 1977er Romanfragment Morgenrot: "Der Schläfer, der erwacht, stellt sich Jahrtausenden der Enttäuschung." Damals entstand daraus eine ganze Serie, auch in Gesprächen mit Koeppen , und wir hatten beide unsere Freude dran. Also, der hat sich ganz kindsköpfisch gefreut, wenn Bilder oder Zeichnungen eines jungen Malers Titel aus seinem Werk hatten. Und so kam eben auch mal die Idee auf, ein paar Blätter oder Leinwände entstehen zu lassen, speziell zu Literatur über München, aus München, von in München lebenden Autoren.
Was fasziniert Sie an einem Text so, dass ein Bild daraus weden kann?
Ja, was? Da gibt's verschiedene Weisen des Herangehens. Ich habe zum Beispiel ein Bild gemacht zu einem sehr schwülstigen Gedicht von Stefan George , diesem großen Schauspieler ...... Wenn man so einen Schwulst liest, dann muss man eigentlich was draus machen, etwas Entsprechendes, das ihn ordentlich konterkariert. Das ist eine Zugangsweise. Die andere hängt mit der persönlichen Geschichte, beispielsweise aus der eigenen Familie, zuammen. Bei anderen Texten, etwa solchen über den Krieg, ist es die leider fast ständig vorhandene Aktualität, die einen reizt. Oder mir fällt beim Zeichnen oder Malen plötzlich ein Text ein und ich meine dann, das Bild und der Text gehören zusammen.
Haben Sie beim Lesen der Texte automatisch ein Bild im Kopf oder dauert das etwas länger?
 Es ist eher ein längerer Prozess. Es kommt auch darauf an, was es für ein Text ist und von wem er ist. Der Text steht nicht nur für sich, kann nicht nur für sich allein stehen, find ich in diesem Fall.
Wie setzen Sie so den Text um? Drängen sich manche Formen einfach auf?
Beim Lesen passieren so ein paar Formen, bei denen ich denke, dass das für mich zusammengeht. Wenn es für jemand anderen auch noch zusammengeht, freue ich mich sehr.
Sie sagen, Formen "passieren" Ihnen und nicht etwa, sie fallen Ihnen
ein. Was ist damit gemeint?
Es ist eine Art Triebhaftigkeit, die mich befällt - etwas, das über mich kommt, das passiert.
Die Formen, die da "passieren", kann man ja nun nicht lesen wie einen Text.
Ist die zeitgenössische Kunst eine eigene Sprache, die man nicht übersetzen
kann?
Der Weg des Rangehens ist so wie bei guter Lyrik, zumindest wie bei der aus diesem Jahundert. Wenn ich Celan nehme, das ist für mich Lyrik zum Ansehen.
Bei dieser Nähe zu Celan: Warum haben Sie eigentlich nie ein Bild zu
seinen Gedichten gemacht?
Ich hätte sicher Worte, Verse von Paul Celan für meine Arbeit verwandt, wenn es nicht schon so viele andere bildnerische Arbeiten, unter anderem auch von seiner Frau, zu dieser großartigen Lyrik gäbe. Das ist einfach schon zu besetzt. Deshalb mache ich es nicht. Ich habe bei Lyrik einen immens hohen Anspruch. Wenn ich den beim Malen und Zeichnen hätte, würde ich vielleicht selber gar nicht malen und zeichnen.
Warum schreiben Sie nicht selbst?
Weil ich meinem Anspruch nicht genügen könnte, wie gesagt. Aber mir macht es Spaß, mit Künstlern aus anderen Bereichen zu arbeiten. Mit Literaten, mit Musikern. Es gibt Jazzer, die schicken mir ihr Band, wenn sie im Studio waren, und wenn ich dann Lust darauf habe, dann zeichne ich einfach mal eine Nacht oder länger zu der Musik, und dann wird das als Cover verwandt. Über so etwas freue ich mich kindisch.
Sie arbeiten fast immer nachts.
Fast ausschließlich. Es kommt vor, dass der Tag dann wieder kommt, und ich arbeite noch immer. Anfangen tu ich aber in aller regel immer erst nachts.
Warum das?
Weil ich vorher einen erlebten Tag brauche und, obwohl ich recht ruhig lebe: Die Ruhe der Nacht ist noch mal etwas anderes. In der Natur gibt es Tagtiere und Nachttiere. Und ich bin halt so ein Nachtviech.
Zurück zum München-Zyklus: Die Gefahr, dass die Bilder als Illustration der
Texte gesehen werden, stört Sie nicht?

Das ist natürlich eine Gratwanderung , das ist klar. Aber wer das als Illustration sehen will, der kann das gerne. Da habe ich keinerlei Probleme damit. Sobald ein Bild an der Wand hängt, ist es angewand(t). Die Sprache ist da doch recht deutlich.
Was hat Sie an dem München-Zyklus fasziniert und wie lange haben
Sie daran gearbeitet?
Ich habe letztes Jahr damit angefangen, was eigentlich nicht lange ist. Man geht ja manchmal länger und manchmal kürzer schwanger, die Blätter oder Bilder an sich entstehen dann bei mir immer sehr schnell. Mich hat die Idee von Anfang an begeistert, nicht nur, weil ich in den vergangenen zwei Jahren, die die schwierigsten bisher in meinem Leben waren, etwas zum Festhalten hatte, sondern auch, weil es um meine Geburtsstadt München ging, wo so etwas wie Hassliebe einfach da ist.
Was lieben Sie an München?
(Lange Pause). Dass München die nördlichste Stadt Italiens ist. München hat durchaus was sehr Liebenswertes. Aber auch etwas sehr Dreistes, zu Verabscheuendes. Etwas Humorvolles, etwas Tiefes, aber auch etwas sehr Oberflächliches. Das haben andere Orte und andere Städte sicher auch. Nur bin ich halt hier geboren und kenne das mehr oder weniger intensiv 48 Jahre lang. Und ich habe dann auch durchaus meine Vergleichsmöglichkeiten. Die letzten Jahre habe ich - nur als Beispiel - mehr in Spanien gelebt als in München. Und ich musste, seit ich das Abitur gemacht habe, immer wieder raus aus dieser Stadt, wenn ich zwei Monate am Stück in München war.
Wird's dann zu beschaulich hier?
München ist zwar ein großes Dorf, das hat aber auch wieder was Liebenswertes. Man denke nur an die Biergärten. Ist einfach was Tolles. Da muss man gar kein Bier trinken, dass man die Biergärten nicht wunderbar findet. Wenn man nicht direkt daneben wohnen muss.
Die Mischung aus Großstadt und Provinz hat einerseits was Gutes,
andererseits was Schlechtes.
Ja. Doch. Also ich mag zum Beispiel eine Lederhosenkultur, wie sie der Oskar Maria Graf praktiziert hat, als er in Lederhosen zur Preisverleihung im Cuvillièstheater angetreten ist. Aber mich kotzen die FC-Bayern-Stars in Lederhosen total an.


Interview: Franz Kotteder