Münchner Bilder (3)

Hans Schnell, 24 mal 33 Zentimeter, Leinwand                                           Repro: Stephan Rumpf

Der Münchner Maler und Zeichner Hans Schnell hat exklusiv für die Süddeutsche Zeitung eine Serie zu Zitaten aus literarischen Texten über München geschaffen. Als Vorlage für das heutige Bild wählte er einen Auszug aus dem Tagebuch seines Malerkollegen Gustave Courbet vom 20. November 1868:

In Deutschland ist gute Malerei so gut wie unbekannt. Man ist dort ganz im Negativen der Kunst befangen; eines der wichtigsten Dinge ist in ihren Augen die Perspektive; man spricht den ganzen Tag davon. Weiterhin spielt die genaue Wiedergabe der historischen Kostüme eine große Rolle. Die Malerei ist ganz nahe an die Anekdote geraten. Die Wände Münchens starren von Fresken, so dass der Eindruck entsteht, man habe alles mit Tapeten überklebt, mit roten, blauen, grünen, gelben und rosafarbenen Mänteln etc., mit Seidenstrümpfen, mit Reitstiefeln und Wämsern darauf; hier ist ein König, der einen Eid leistet, dort dankt einer ab, wieder ein anderer unterzeichnet einen Vertrag, einer heiratet, der andere stirbt und erst die Skulpturen! Es ist ja unglaublich! Man kann leicht 3000 Statuen in der Stadt zählen; dabei ist es immer dieselbe; ich machte ihnen den einfachen Vorschlag: Wenn die Köpfe Schraube hätten, könnte man sie alle 14 Tage auswechseln, man brauchte in diesem Fall nur etwa zehn Statuen.
Bei alldem haben sich Leute wie Cornelius, Kaulbach, Schwind usw. überlebt, besonders Chenavard, dessen Gemälde Gegenstand allgemeinen Gelächters wurde; da sie überhaupt auf diesem Gebiet versiert sind, haben sie alle aus den italienischen Bildern entnommenen Figuren und Gruppen wiedergefunden, und einer suchte die den alten Meistern gestohlenen Figuren, wobei er sagt, man erkenne sie fast alle in diesem Gemälde wieder. Der Nachbar erwiederte, leider erkenne man sie so behandelt nicht mehr.
Chenavard, Charles Blanc und Couder haben in der Glyptothek unter der Jugend einen Skandal entfesselt. Dieses erstaunliche Trio saß auf den Stufen des Bauwerks und weinte über das Schicksal der Kunst der Gegenwart; diese drei Weisen sagten, Kaulbach habe die Ausstellung nur nach seinem Rezept zusammengebraut. Die Jugend Münchens taugt etwas; ich blieb lange, um mich mit ihnen zu unterhalten. Sie sind fest entschlossen, den ganzen alten Zopf fahren zu lassen; ich habe zugesehen, wie junge Maler ausspuckten, wenn man von den ungekrönten Königen der deutschen Kunst sprach.