|
Süddeutsche Zeitung vom 12.5.2000
von Gottfried Knapp
Gemalte Gedichte. Die stillen Bilder des Münchner Künstlers Hans Schnell bei Sachs
Asymmetrische Papierfetzen, perforierte Notizblockzettel, auseinander geklappte Pappschächtelchen - die prosaische Aura des zweckentfremdeten, abgenutzten Materials ist
Teil des haptisch-visuellen Reizes, der von den stillen Arbeiten des Münchner Malers Hans Schnell ausgeht. Hinzu kommen ein paar flüchtig grundierende Pinselbewegungen mit dünner
Farbe, wenige kräftige Gesten mit Stiften, mit Graphit oder Kreide als Binnenzeichen, vielleicht noch ein Farbklecks mit einem dritten Malmaterial oben drauf - und alles ist gesagt.
Die Galerie Karin Sachs, die Schnell schon mehrfach präsentiert hat, zeigt bis 15. Juni neuere Arbeiten. Sie wirken eigentümlich zeitlos, könnten auch gut aus einer früheren
Phase stammen; Schnell ist also seiner sensitiven, minimalistischen Ausdruckskunst, seiner fast homöopathischen Reduktion der malerischen Mittel in den letzten Jahren treu geblieben.
Fast immer liegt ein kaum wahrnehmbarer farblicher Hauch über dem Malgrund. In diese transparente Atmosphäre sind mit wenigen spontanen Kritzel-, Schreib- oder Schwenkbewegungen, die den Malgrund nur
flüchtig streifen, lapidar einfache Zeichen oder aber kurze strichartige Andeutungen von kräftigen, deckenden Farben eingeschrieben. Für jedes dieser grafischen Elemente benutzt
Schnell ein anderes Malmittel; der kleine Widerstand, den die in der Konsistenz recht unterschiedlichen Materialien einander entgegensetzen, gehört zum kalkulierbaren Reiz der Bilder.
Das funktioniert im kleinen wie im großen Format, auf Papier und handtellergroßen Flächen genauso wie auf Leinwand und beinahe wandfüllenden Formaten. Sucht man nach
Vergleichbarem, wird man am ehesten bei fernöstlichen Kalligrafien fündig. Man könnte Schnells Arbeiten darum als gemalte Haikus, als kurz gefasste Bildgedichte, bezeichnen: Mit
wenigen andeutenden Worten (Gesten) wird etwas gesagt, was auch in einem sehr viel größeren Raum seine Wirkung behält.
|
Heilbronner Zeitung vom 29.6.2000
von Andreas Sommer
Große Kraft kennt keine Grenzen - Zeichnungen und Malerei des Münchner Künstlers Hans Schnell in der
Heilbronner Galerie Rieker
Neun Jahre liegt die letzte Ausstellung des Münchner Künstlers Hans Schnell in der Heilbronner Galerie Rieker zurück. Angesichts der aktuellen Präsentation von
Zeichnung und Malerei des 1951 geborenen Dahmen-Schülers auf der Inselspitze unter der Friedrich-Ebert-Brücke darf man feststellen: Schnell ist seiner zeitlosen minimalistischen Kunst treu geblieben.
Neu sind die kleinformatigen Leinwände und der Einsatz von Farbe, so dass in der Schau von der kleinen Hotelzeichnung bis zum wandfüllenden Format anhand
von 50 Exponaten die ganze Breite von Schnells Oeuvre sichtbar wird - einschließlich dreier Bronzen. Wie Schnells Bilder groß und klein sind, sind sie auch laut und leise -
und immer aufrichtig. "Sie passieren mir halt", sagt er lakonisch. "In der Glyptothek" zieht sich ein frecher grüner Strich
durch das Bild, beim "Freischütz in der Semperoper" spürt man, dass Schnell sich in Dresden eingeengt gefühlt hat. Wenn ihm kein Titel einfällt, was bei dem literarisch
Beschlagenen, der mit Wolfgang Koeppen befreundet war, auch vorkommt, nimmt er Ort und Jahreszahl. "Ohne Titel" ist Schnell zu viel Titel.
Großformate wie "El Velerin/München"(Leinöl, Graphit, Öl, 2000) setzen Farbe als Zitat ein. Der in München und El Velerin/Südspanien lebende Künstler verarbeitet oft
andalusische Erde - was auf die elementare Erfahrung anspielt, die der künstlerische Schöpfungsakt für Hans Schnell bedeutet. Bei Schnell liegen das gelb getönte Papier oder die
Leinwand auf dem Boden. Er steht und verteilt mit Kreide oder Bleistift spontane, hochenergetische Striche und Linien, die sich in ihrer filigranen Zartheit durchaus gegen einen kräftigen Pinselstrich
wie in "El Velerin, 1. Januar 1998" behaupten können, Schnell pflegt den Jahreswechsel mit Arbeit zu verbringen. In Hans Schnells Arbeiten ist eine Kraft zu spüren, die
sich kaum in Zaum halten lässt, die über den Bildrand hinausdrängt und sich in Raum und Zeit katapultieren will wie in "El Velerin, Mai 1999". So wie Schnell bei der
Arbeit viel Farbe neben das Bild setzt, weil er verschwenderisch mit ihr umgeht. Was wir sehen, ist also immer nur ein Ausschnitt aus Hans Schnells grenzenlosem Energiefeld.
|